Die Kellerliste

Im Beitrag Minimalismus habe ich zu jedem Wohnraum einige Inspirationen aufgezeigt. Außen vor gelassen wurde dabei der Keller… Steht der jetzt etwa voller Zeug?

Dass einer von uns während eines Ausmistwahns den Keller vollstellt statt sich wirklich von Dingen zu trennen, wird auch jetzt noch vom jeweils anderen befürchtet. Ich gerate da immer besonders in den Fokus, da ich zeitweise tatstächlich erst einmal vieles im Keller deponiere.

Auf den gefüllten Kartons steht jedoch die Aufschrift „Flohmarkt“ beziehungsweise „zu verschenken“. Im Frühjahrs- und Herbstbeginn finden nämlich unzählige Flohmärkte statt, auf denen ich dann unsere Sachen weiterverkaufe.

Praktisch ist auch eine „zu verschenken“-Kiste, die bei gutem Wetter auf unserem Mülltonnenhäuschen eine gute Figur macht und sich nach und nach leert. Viele Charity-Geschäfte nehmen Gebrauchtes an, auch digitale Medien und Bücher kann mensch dort abgeben. In einigen Stadtteilen habe ich öffentliche Bücherschränke entdeckt, in die ich Gelesenes hineinstellenen und Gewünschtes herausnehmen kann. Mein Lieblingsbioladen hat ebenfalls ein großes Tausch-Bücherregal und in der Nachbarschaft hat ein findiger Bewohner eine hübsche, kleine Tauschbibliothek aufgestellt. Damit lädt er jeden Passant zum Schmökern ein!

Zurück in meinen vollen Keller, der sich im Frühjahr wieder leeren wird. Wenn ich mich umschaue, hängen da zwei nigelnagelneue Schlitten von der Decke und jede Menge Werkzeug liegt im Regal vor mir brach, eine Babyschale wartet auf Nachwuchs.

Ehrlich wahr, wir besitzen für jeden Zweck das passende Utensil und wann brauchen wir das? Alle paar Jahre einmal für ein paar Stunden? Genauso ergeht es den Schlitten, dem Schlafsack, dem Zelt… Nun stelle ich mir vor, wie jeder Nachbar in unserer Straße in seinem Kellerabteil ähnliche Dinge besitzt, die er effektiv kaum in die Hand nimmt. Was für eine enorme Ressourcenverschwendung!

Ich erstelle nun eine Liste, auf der ich alle verleihbaren Dinge aufführe. Vielleicht schreibe ich auch das bekannte Ei darauf, wegen dem man doch mal eben drüben klingeln kann – und es dann doch nicht tut. Diese Liste verteile ich an jeden Nachbarn und ich versichere mich: Ich muss nicht jedes Klump mein Eigentum nennen.

Ferngesteuert

Über übermächtige Alltagsdrogen

Noch viel spannender als die gesundheitlichen Auswirkungen von Alltagsdrogen sehe ich die Wirkung auf unseren Geist, ja sogar auf unser Miteinander. Warum? Ich freue mich drauf, jetzt weit auszuholen:

Im Selbstversuch nahm ich ungefähr vier Monate keinen Zucker zu mir. Zero. Keinen Agavendicksaft, keinen Honig, keine Malzextrakte, keine Süßstoffe oder Austauscher, also keinerlei süße Isolate, nix.

Zu Beginn fühlte ich mich unwohl: Ich hatte Angst davor, aggressiv und unerträglich zu sein. Kein Kuchen! Keine Schokolade! Mit Nüssen und Obst hielt ich mich bei Unterzucker über Wasser. Nach wenigen Wochen hatte ich meinen Körper entwöhnt, der Blutzuckerspiegel kam wieder klar. Mein Gehirn hinkte manchmal hinterher. Wenn der Hunger auf Kuchen oder Süßkram besonders stark wurde, lernte ich zu verstehen: „Aha, ich bin eigentlich nur müde! Ich will aber nicht schlafen! Ich habe noch so viel zu tun!“ Und so kam ich mit mir selber ins Gespräch und machte Mittagsschlaf, wenn es nötig war. Oder knallte mir terminlich einzelne Tage weniger zu. Ich wurde langsamer! Meinen Kuchengelüsten lag Stress zu Grunde oder einfach nur das viele Denken. Ich stellte so oft fest, dass ich mit Zucker bislang kompensierte und kompensierte.

Ich bin mir sicher, in einer Welt ohne Zucker würde eine Siesta zum gängigen Tagesablauf dazu gehören. Unsere Welt soll sich immer schneller drehen. Damit wir mitlaufen können, begießen wir immer mehr unersättliche Adenosinrezeptoren mit Koffein, beschönigen, beschleunigen, verdrängen, verändern uns mit Alkohol, beruhigen und erheitern uns mit Rauchen. Dabei wäre das Ein- und Ausatmen ohne den Qualm gesünder und hätte keinen Sucht- sondern den Wohlfühleffekt in Reinform – eine Einladung oder besser gesagt Ausladung an alle Nichtraucher genauso rauszugehen wie die Raucher!

Zum Thema Rauchen sei erwähnt, dass es kaum fairen geschweige denn ökologisch angebauten Tabak gibt. Mit dem mentalen und physischen Gesundheitsaspekt spielt hier die Umweltverschmutzung durch Qualm und weggeworfene Stummel ebenso eine Rolle. Beim Alkohol können wir immerhin auf regionale Bioware zurückgreifen und die Dosis auf ein verträgliches Maß anpassen.

Was mittlerweile bezüglich der Alltagsdrogen auf der Hand liegt, vor allem den allgegenwärtigen Zucker betreffend, ist erschreckend. Konsumieren geht Hand in Hand mit kompensieren und funktionieren.

Zucker, Kaffee, Kakao und Tabak reisen nicht nur mit großem CO²-Fußabdruck in unser hausgemachtes Hamsterrad: Die Zuckerwirtschaft ist kaputtsubventioniert, konventionelle Kakao- und Kaffeebohnen werden von Kindern gepflückt und lächerlich „bezahlt“. Die gängigen Siegel sind leere Versprechen, an die wir Süchtigen glauben wie einst an den Weihnachtsmann. Ich unterstelle den Süßkramkonzernen das Schlechte, weil sie nicht das Gegenteil beweisen können – nein – ständig werden skandalöse Zustände aufgedeckt, die jährlich von Schokonikolaus- und Osterhasenarmeen niedergetrampelt werden.

Ein Qualitätssiegelstudium dauert sicher kein ganzes Semester und bewahrt Menschen vor Ausbeutung und basht habgierige Lohndrücker. Ein Geheimnis verrate ich vorab: Ein Fair Trade-Siegel steht nicht unbedingt dafür, dass das Produkt zu 100% menschenwürdig gehandelte Bestandteile enthält.

Und ja, nach den vier Monaten wurde es mir zu mühselig, auf den Zucker zu verzichten, denn süße Isolate sind so überall wie die Mücken abends am See. In arbeitsreichen Phasen hielt ich wieder meine Kaffeetasse – oder sie mich – und das Koffein hob mich auf geistige Höhen. Wenn ich müde bin, bin ich ohne Kaffee verdammt langsam und das kann wiederum für alle Beteiligten verdammt anstrengend sein. Nun kenne ich beide Extreme und pendele mich in meiner Mitte ein, die ich für mich und andere verantworten kann und will: Ich bin lieber langsamer!

Warum könntest du nie auf Kaffee oder Zucker verzichten? Wer bist du ohne Alltagsdrogen? Was passiert, wenn sich niemand mehr sozial- und arbeitgeberkompatibel dopt?

 

Minimalismus

Städtischer Wohnraum ist rar, teuer und knapp bemessen. Wir sind glücklich mit unserer kleinen Bleibe, denn unsere Zweiraumwohnung hat alles, was das Herz begehrt. Zentral, dennoch ruhig gelegen, etwas im Grünen, nah an Bach und naturnahen Gefilden, alle wichtigen Adressen sind fußläufig unter zehn Minuten erreichbar. Wir haben uns dafür entschieden, auch mit Kind in dieser typischen Pärchen-Wohnung zu bleiben. Denn jeder zu zahlende Quadratmeter will erarbeitet werden. Doch je mehr Arbeitststunden ich leiste, desto schneller laufe ich im Hamsterrad. Und aus dem wollen wir eher raus als rein!

Also sorgen wir dafür, dass wir uns in unserem Zuhause wohlfühlen. Dazu ist es uns wichtig, dass wir uns nicht kasteien und kein Familienmitglied Opfer bringen muss. Es gibt Nützliches, Notwendiges und Schönes und all das hat weiterhin seinen Platz. Wir haben alles, was wir brauchen und verspüren keinen Mangel. Was hat sich bei uns geändert und warum fühlt es sich besser an als zuvor? Was sind unsere Tricks und Ideen?

Die Möbel

Wir nutzen oft Zwei-in-Eins Funktionen. Ein Hocker ist gleichzeitig der Altpapierkorb. Truhen bieten Sitzgelegenheiten und Stauraum. In geschlossenen Schränken haben wir Bücher gestapelt, zweireihig. In offenen Regalen ist es deshalb dekorativ! Der Fernseher ist zugleich unser Computerbildschirm, auch die Musikanlage ist dort angeschlossen. Möbel, die auf Füßen stehen, bekommen rollbare Schubladen untergeschoben. Unter dem Bett bietet diese Möglichkeit ebenso ein paar Quadratmeter. In zahlreiche Ecken fügten wir halbrunde Ablageflächen ein. Jedes an der Wand hängende Möbelstück verbraucht keinen Platz am Boden, daher lohnen sich viele Bohrlöcher! Den großen Esstisch und die passenden acht Sitzgelegenheiten verkauften wir und legten stattdessen einen Spielteppich aus. Gewöhnlich treffen wir viele liebe Menschen außerhalb der eigenen vier Wände und die klassische Essecke hat sich bei uns nie rentiert. Ein Klapptisch, der ungebraucht an der Wand eingehakt wird, dient als Schreibtisch. Kastenförmige Hocker mutieren vom Sitzplatz zum Regal. Wo einschieben, klappen, stapeln zum gängigen Vokabular wird, schafft eine Prise Kreativität tausendundeine Möglichkeit. Hängende Körbchen schmücken Nischen und Ecken. So bleibt Krimskrams wie Kosmetikartikel, Ladegeräte, Feuerzeuge und Taschentücher greifbar und aufgeräumt.

Wahrnehmung

Kleine Wohnräume brauchen nach oben hin viel Luft. Daher sollten sie nie bis unter die Decke zugestellt oder verhangen sein. Quadratische und schlauchförmige Zimmer benötigen noch mehr freie Fläche unterhalb der Decke als ausgewogen rechteckige, damit wir keine Beklemmungen bekommen. Wenige große Bilder oder Wandregale vergrößern optisch ihre jeweilige Wand. Rechteckige Formate ziehen in die Länge, quadratische werden zum Blickfang. Zwei Leuchten vergrößern einen Raum unter folgenden Bedingungen: im ersten Drittel eines rechteckigen Raumes, gegenüber und jeweils nah zur Wand aufgehängt, verleihen sie mehr Tiefe. Das funktioniert jedoch nur bei dezenter und schlanker Möblierung. Auch als Reihe parallel zur langen Wand – beispielsweise über einem Esstisch, sorgen sie für Perspektive. Spots betonen bestimmte Bereiche. Das gleiche erreicht Farbe: Mit ausgwählten und in hellen Tönen gestrichenen Wänden lassen sich eigentlich nicht vorhandene Räume und Atmosphären erschaffen. Hier ist es wichtig, einen weißen Rand zu belassen. Ecken bleiben frei oder werden entschärft, in dem dort Möbelstücke oder Gegenstände wie Spiegel, Gitarren platziert werden. Auch runde Dinge wie ein Wäschekorb erzielt diesen Effekt.

Deko

Ich dekoriere eigentlich gerne, jedoch verschwendete der klassische Klimbim viel Platz im Keller. Nun sind wir bin ich von saisonal trendigen Staubfängern auf natürliche Deko umgestiegen. Unsere Schätze aus Urlauben und Fundstücke aus der Natur verschönern unser Zuhause zeitlos und herzerwärmend. Wir verbinden mit ihnen gute Erinnerungen und umgeben uns so mit Positivität. Wenn wir sie satt werden würden, ließen sie sich kompostieren oder einfach wieder auswildern 🙂 Auch Musikinstrumente sind schön anzusehen!

Die Elemente

Eine große Rolle spielen die vier bis wahlweise sechs Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft, Holz und Metall. Je mehr wir uns mit ihnen verbinden, desto besser geht es uns. Deshalb lege ich Wert darauf, dass Dinge aus natürlichen Materialien bestehen.

Küche

Wie viele Geräte braucht der Mensch? Für jeden Handgriff gibt es das richtige Werkzeug… welches Platz braucht. Und es will auseinandergebaut und gereinigt werden. Und man kramt es oft nur einmal im Jahr hervor. Wenn ich dann mal … koche!

Klamotten

Worin fühle ich mich wie „ich“? Gefällt es mir an mir? Passt es mir? Wie oft wasche ich? Was trage ich tatsächlich oft und gerne? Die meisten Kleidungsstücke lassen sich prima einrollen und aufgestellt in Schubladen unterbringen. Das sorgt für mehr Übersicht und spart erstaunlich viel Platz! Die Rolltechnik bekommt man schnell intus. Jedes Kleidungsstück braucht eine Übungsrunde, das hat den Vorteil, dass bedeutungslose Teile sofort auffliegen!

Bad

Minimalismus geht auch hier mit Zero Waste einher. Bye, bye, Shampoo, hallo Seife! Hallo Roggenmehl! Hallo Distelöl! Hallo Natrondeo! Hallo Waschlappen! Welche Kosmetik verwende ich wirklich gerne und regelmäßig?

Ausmisten

Nimm jeden Gegenstand in die Hand. Hast du ein gutes Gefühl? Macht er dich froh? Behalte ihn. Denkst du dir “ falls… irgendwann“ dann verabschiede dich. Und alles, was du im letzten Jahr nicht angefasst hast, kann weg. Beim Aussortieren übten wir uns darin, bei jedem Ding einzeln unser Herz zu befragen, ob es noch zu uns gehört oder seinen Zweck bereits erfüllt hat. Unser Hausstand hat sich halbiert! Und trotzdem oder gerade deshalb fühlen wir uns in unseren vier Wänden wohler als zuvor. Wohin dann mit all dem Krempel? Verschenken, verkaufen, wegwerfen.

Fertig?

Ich finde immer etwas, was ich nicht mehr brauche, gleichzeitig braucht jeder von uns auch dann und wann irgendeine neue Sache. So gleicht sich der „Bestand“ immer selbst aus und wir häufen kein Zeug mehr an. Jede Neuanschaffung durchläuft einen kritischen „Brauche ich das wirklich?“-Prozess. Am hilfreichsten ist es dabei, mit dem tatsächlichen Erwerb zu warten!

Nichts ist so beständig wie die Veränderung

Oft waren Umräumen und Ausmisten mein Weg zu mehr Ordnung im Kopf. Was sich innen verändert, wandelt sich nach außen und umgekehrt. Minimalismus bedeutet für mich eine Mischung aus Freiheit und Klarheit. Ich mag es den Überblick über meine Siebensachen zu haben und genieße den Gedanken, ohne viel Aufwand umziehen zu können, wenn ich es denn wollte. Ich mag es, die Wahl zu haben. Die habe ich, denn wir befinden uns in einer Überflussgesellschaft . Fluch und Segen zu gleich. Für letzteres und die Wahl bin ich dankbar.

Zum Weiterlesen: Die Kellerliste