Minimalismus

Städtischer Wohnraum ist rar, teuer und knapp bemessen. Wir sind glücklich mit unserer kleinen Bleibe, denn unsere Zweiraumwohnung hat alles, was das Herz begehrt. Zentral, dennoch ruhig gelegen, etwas im Grünen, nah an Bach und naturnahen Gefilden, alle wichtigen Adressen sind fußläufig unter zehn Minuten erreichbar. Wir haben uns dafür entschieden, auch mit Kind in dieser typischen Pärchen-Wohnung zu bleiben. Denn jeder zu zahlende Quadratmeter will erarbeitet werden. Doch je mehr Arbeitststunden ich leiste, desto schneller laufe ich im Hamsterrad. Und aus dem wollen wir eher raus als rein!

Also sorgen wir dafür, dass wir uns in unserem Zuhause wohlfühlen. Dazu ist es uns wichtig, dass wir uns nicht kasteien und kein Familienmitglied Opfer bringen muss. Es gibt Nützliches, Notwendiges und Schönes und all das hat weiterhin seinen Platz. Wir haben alles, was wir brauchen und verspüren keinen Mangel. Was hat sich bei uns geändert und warum fühlt es sich besser an als zuvor? Was sind unsere Tricks und Ideen?

Die Möbel

Wir nutzen oft Zwei-in-Eins Funktionen. Ein Hocker ist gleichzeitig der Altpapierkorb. Truhen bieten Sitzgelegenheiten und Stauraum. In geschlossenen Schränken haben wir Bücher gestapelt, zweireihig. In offenen Regalen ist es deshalb dekorativ! Der Fernseher ist zugleich unser Computerbildschirm, auch die Musikanlage ist dort angeschlossen. Möbel, die auf Füßen stehen, bekommen rollbare Schubladen untergeschoben. Unter dem Bett bietet diese Möglichkeit ebenso ein paar Quadratmeter. In zahlreiche Ecken fügten wir halbrunde Ablageflächen ein. Jedes an der Wand hängende Möbelstück verbraucht keinen Platz am Boden, daher lohnen sich viele Bohrlöcher! Den großen Esstisch und die passenden acht Sitzgelegenheiten verkauften wir und legten stattdessen einen Spielteppich aus. Gewöhnlich treffen wir viele liebe Menschen außerhalb der eigenen vier Wände und die klassische Essecke hat sich bei uns nie rentiert. Ein Klapptisch, der ungebraucht an der Wand eingehakt wird, dient als Schreibtisch. Kastenförmige Hocker mutieren vom Sitzplatz zum Regal. Wo einschieben, klappen, stapeln zum gängigen Vokabular wird, schafft eine Prise Kreativität tausendundeine Möglichkeit. Hängende Körbchen schmücken Nischen und Ecken. So bleibt Krimskrams wie Kosmetikartikel, Ladegeräte, Feuerzeuge und Taschentücher greifbar und aufgeräumt.

Wahrnehmung

Kleine Wohnräume brauchen nach oben hin viel Luft. Daher sollten sie nie bis unter die Decke zugestellt oder verhangen sein. Quadratische und schlauchförmige Zimmer benötigen noch mehr freie Fläche unterhalb der Decke als ausgewogen rechteckige, damit wir keine Beklemmungen bekommen. Wenige große Bilder oder Wandregale vergrößern optisch ihre jeweilige Wand. Rechteckige Formate ziehen in die Länge, quadratische werden zum Blickfang. Zwei Leuchten vergrößern einen Raum unter folgenden Bedingungen: im ersten Drittel eines rechteckigen Raumes, gegenüber und jeweils nah zur Wand aufgehängt, verleihen sie mehr Tiefe. Das funktioniert jedoch nur bei dezenter und schlanker Möblierung. Auch als Reihe parallel zur langen Wand – beispielsweise über einem Esstisch, sorgen sie für Perspektive. Spots betonen bestimmte Bereiche. Das gleiche erreicht Farbe: Mit ausgwählten und in hellen Tönen gestrichenen Wänden lassen sich eigentlich nicht vorhandene Räume und Atmosphären erschaffen. Hier ist es wichtig, einen weißen Rand zu belassen. Ecken bleiben frei oder werden entschärft, in dem dort Möbelstücke oder Gegenstände wie Spiegel, Gitarren platziert werden. Auch runde Dinge wie ein Wäschekorb erzielt diesen Effekt.

Deko

Ich dekoriere eigentlich gerne, jedoch verschwendete der klassische Klimbim viel Platz im Keller. Nun sind wir bin ich von saisonal trendigen Staubfängern auf natürliche Deko umgestiegen. Unsere Schätze aus Urlauben und Fundstücke aus der Natur verschönern unser Zuhause zeitlos und herzerwärmend. Wir verbinden mit ihnen gute Erinnerungen und umgeben uns so mit Positivität. Wenn wir sie satt werden würden, ließen sie sich kompostieren oder einfach wieder auswildern 🙂 Auch Musikinstrumente sind schön anzusehen!

Die Elemente

Eine große Rolle spielen die vier bis wahlweise sechs Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft, Holz und Metall. Je mehr wir uns mit ihnen verbinden, desto besser geht es uns. Deshalb lege ich Wert darauf, dass Dinge aus natürlichen Materialien bestehen.

Küche

Wie viele Geräte braucht der Mensch? Für jeden Handgriff gibt es das richtige Werkzeug… welches Platz braucht. Und es will auseinandergebaut und gereinigt werden. Und man kramt es oft nur einmal im Jahr hervor. Wenn ich dann mal … koche!

Klamotten

Worin fühle ich mich wie „ich“? Gefällt es mir an mir? Passt es mir? Wie oft wasche ich? Was trage ich tatsächlich oft und gerne? Die meisten Kleidungsstücke lassen sich prima einrollen und aufgestellt in Schubladen unterbringen. Das sorgt für mehr Übersicht und spart erstaunlich viel Platz! Die Rolltechnik bekommt man schnell intus. Jedes Kleidungsstück braucht eine Übungsrunde, das hat den Vorteil, dass bedeutungslose Teile sofort auffliegen!

Bad

Minimalismus geht auch hier mit Zero Waste einher. Bye, bye, Shampoo, hallo Seife! Hallo Roggenmehl! Hallo Distelöl! Hallo Natrondeo! Hallo Waschlappen! Welche Kosmetik verwende ich wirklich gerne und regelmäßig?

Ausmisten

Nimm jeden Gegenstand in die Hand. Hast du ein gutes Gefühl? Macht er dich froh? Behalte ihn. Denkst du dir “ falls… irgendwann“ dann verabschiede dich. Und alles, was du im letzten Jahr nicht angefasst hast, kann weg. Beim Aussortieren übten wir uns darin, bei jedem Ding einzeln unser Herz zu befragen, ob es noch zu uns gehört oder seinen Zweck bereits erfüllt hat. Unser Hausstand hat sich halbiert! Und trotzdem oder gerade deshalb fühlen wir uns in unseren vier Wänden wohler als zuvor. Wohin dann mit all dem Krempel? Verschenken, verkaufen, wegwerfen.

Fertig?

Ich finde immer etwas, was ich nicht mehr brauche, gleichzeitig braucht jeder von uns auch dann und wann irgendeine neue Sache. So gleicht sich der „Bestand“ immer selbst aus und wir häufen kein Zeug mehr an. Jede Neuanschaffung durchläuft einen kritischen „Brauche ich das wirklich?“-Prozess. Am hilfreichsten ist es dabei, mit dem tatsächlichen Erwerb zu warten!

Nichts ist so beständig wie die Veränderung

Oft waren Umräumen und Ausmisten mein Weg zu mehr Ordnung im Kopf. Was sich innen verändert, wandelt sich nach außen und umgekehrt. Minimalismus bedeutet für mich eine Mischung aus Freiheit und Klarheit. Ich mag es den Überblick über meine Siebensachen zu haben und genieße den Gedanken, ohne viel Aufwand umziehen zu können, wenn ich es denn wollte. Ich mag es, die Wahl zu haben. Die habe ich, denn wir befinden uns in einer Überflussgesellschaft . Fluch und Segen zu gleich. Für letzteres und die Wahl bin ich dankbar.

Zum Weiterlesen: Die Kellerliste

 

 

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