Zero Waste

Ich bin total umweltbewusst! Na klar, ich gehe mit dem Baumwollbeutel einkaufen und vermeide damit Unmengen an Müll…

Das war die Anfängerversion, sogar die EU hat das kapiert und verbietet die kostenlose Herausgabe von Plastiktüten. Die Hardcoreversion sieht so aus: Besitze keine Mülltonne! Ja, verbanne deine Mülltonne! Wird dir gerade schwindelig? Wie soll das denn gehen? Bea Johnson schreibt darüber in ihrem Buch „Zero Waste Home“. Ich bin ja ein Fan von radikalen Umweltschutzmethoden und probierte vieles aus. Heraus kam ein Mittelweg, was das Müll vermeiden betrifft. In der Theorie mag ich Profi sein, in der Praxis zeige ich mich kompromissbereit und aus radikaler Sicht bequem. Wie ich nun Müll und vor allem Plastik meide, liest sich nun hier.

Ich habe viele Mülltonnen. Eine Restmülltonne, einen Biomüll, einen Altpapierhocker, einen Plastikmüll und eine Tonne für das Altglas. Der Inhalt der letzeren beiden landet wöchentlich im Container. Von meinem penibel getrennten Plastikmüll werden 53% thermisch verwertet (Umwelt Bundesamt, 2015) – ein schönes Wort für verbrennen, meine Mühen werden noch nicht so sehr respektiert, wie ich mir das wünsche! Also weg mit der Illusion, all der Müll würde recycelt und zu modischen Einkaufstaschen umgeformt (die Lieschen wegen der hübschen Motive sammelt, obwohl sie sie nicht braucht…).

Müllvermeiden im Haushalt – Küche

In der Küche nutze ich einen Beutel. Einen Beutel, in denen ich schmutzige Spüllappen und Geschirrhandtücher sammele. Der kommt dann mit seinem Inhalt in die Waschmaschine und ich bekomme frische Spültücher zurück. Küchenkrepp vermisse ich auf diese Weise gar nicht. Wichtig ist, dass alle Putztüchlein, Läppchen und Schwämmchen aus 100% Baumwolle oder Cellulase bestehen. Mikrofasertücher und Schwämme sind reiner Plastikmüll, sie verseuchen die Umwelt und unsere Nahrung mit Mikroplastik! Ich habe festgestellt, dass so manches „Baumwoll-Spültuch“ einen hochprozentigen synthetischen Faseranteil hat. Beim Kauf neuer Putzlumpen ist es notwendig das Kleingedruckte zu lesen! Die Bioabfälle sammeln wir in Reyclingpapiertüten, die im Gegensatz zu den Biofolien-Biomüllbeuteln verrotten. Diese zersetzen sich viel zu langsam und werden daher aussortiert und als Restmüll entsorgt. Verkauft werden sie trotzdem! Schade um den guten Willen, Schade um die Ressourcen, schade ums Geld.

Bad

Im Bad hängt auch so ein Wäschebeutel, denn zum Abschminken taugen kleine Tücher aus weichem Baumwoll- oder Bambusfleece mehr als Wattepads. Auch der gute alte Waschlappen ersetzt so manches Feuchttuch.

Feuchttuch, das: 10 bis 100 aneinandergereihte Kunsstoffvliesstoffe in einer Plastikverpackung, aus der ein Tuch nach dem anderen entnehmbar ist, um Oberflächen, Gegenstände oder Körperteile zu reinigen. Für jeden Zweck stellt uns die Industrie mit liebevoller Hingabe synthetisch duftende Tücher bereit, die nach dem Reinigen des von ihr ausgedachten Gegenstandes oder Körperteils im Restmüll entsorgt werden müssen. Von Allzweck, Antibakteriell, Babypopo, Brille, Busen, Cockpit, Fensterglas, altes Gesicht, junges Gesicht, Hände, Intimzone, LCD, Parkett, Smartphone, Spielzeug, Schuhe, WC bis Zementsack -heiliger! wird keine Versorgungslücke ausgelassen. Für den Komfort to go werden einige genannte Feuchttücher auch einzeln verpackt angeboten.

Als Make-up-Entferner dient eine Glasflasche Distelöl, zusammen mit einem Schuss Shampoo und etwas Wasser funktioniert das wunderbar und hält ewig.

Waschen und Duschen klappt mit einem Stück Seife prima, unzählige Onlineshops liefern handgemachte und hochwertige Produkte. Seit ich Stückseifen verwende, bleibe ich nun noch lieber an den Marktständen der Seifensieder stehen und kaufe sogar etwas! Wähle auch hier mit Bedacht, denn die meisten Seifen schäumen auf Palmölbasis und der Palmölanbau verursacht ökologische Katastrophen.

Mit Haarseifen bin ich aufgrund der örtlichen Wasserhärte drei nicht warm geworden. Das Spülen mit Essig in allen bedenklich hohen Konzentrationen hat nicht verhindert, dass die Haare schmierig blieben oder die Augen gereizt. Es soll Haarseifen speziell für hartes Wasser geben, dem gehe ich selbstverständlich nach. Für kurzes Haar eignet sich Roggenmehl: Einen Esslöffel Mehl in einem Glas mit etwas Wasser vermengen, so dass es einen schönen schleimigen Brei ergibt. Wie Shampoo einmassieren und ausspülen, fertig. Die Haare glänzen, die Kopfhaut freut sich über die schonende Behandlung und wer auf die Vollkornmehlvariante verzichtet, spart sich das Auskämmen der Schalenteile.

Die Zähne werden mit einer Zahnbürste aus Bambus sauber. Über die ausgemusterten alten freut sich mein Nachbar, der damit die gemütlichen Feuer unserer Hausfeste entfacht. Den Bürstenkopf breche ich einfach ab und entsorge ihn – wegen der Plastikborsten – im Restmüll. Ich habe auch Miswak und Süßholz zum Zähne putzen ausprobiert. Letzteres schmeckt mir besser, leider habe ich beide Hölzer nur in Plastik verpackt erstehen können – fail! Zahnputztabletten sind komplett plastikfrei erhältlich, eine tolle Idee – denn wie viel Wasser wir ständig und überall teuer mitkaufen, ist enorm. Und das will schließlich auch transportiert und verpackt werden…

Verpackungsarmes und vor allem günstiges Enthaaren klappt mit Zucker. Zusammen mit Zitronensaft erhitzt und zu einem klebrigen Ball geformt erhält man eine langlebige Sugaring-Kugel. Köchelt die Masse länger, wird sie zu einem Bonbon.

In Körperpflegeprodukten wimmelt es nur so von Mikroplastik. Festes Mikroplastik in Form von Peelingkörnchen oder Schleifmitteln sind bereits verpönt und die Hersteller haben glücklicherweise ihre Rezepturen abgeändert. Ein entsprechendes Gesetz hierzu steht aktuell noch aus, lediglich Schweden verbietet festes Mikroplastik per Paragraph. Das flüssige Mikroplastik steckt in den meisten Duschgels, Sonnencremes, Shampoos, Wimperntuschen, Make-Ups… Auch diesbezüglich lohnt sich das Studieren der INCI-Liste.

„Mikroplastik befindet sich auch in Produkten, in denen es bisher kaum vermutet wurde. Polyquaternium-7 steckt beispielsweise in jedem vierten untersuchten Duschgel und Nylon-12 in jedem zehnten Make-up“, sagt Franziska Grammes von Codecheck. Dass Kunststoffe dem Kunden nicht auffallen, liegt auch an unterschiedlichen Definitionen von Mikroplastik: So erkennen viele Hersteller lediglich Polyethylen (PE) als Mikroplastik an, nicht jedoch Kunststoffe wie Nylon-12, Acrylates Copolymer oder Acrylate Crosspolymer. www.utopia.de

Hygiene und Baby

Monatshygieneprodukte und Taschentücher aus Stoff sehen nicht nur schön aus sondern sind auch würdiger als die Wegwerfvarianten.

Ein Baby kann mit praktischen, modernen Stoffwindeln gewickelt und auch mit waschbaren Tüchlein sauber gepflegt werden. Das funktioniert sogar unterwegs, denn die Schmutzwäsche kommt im undurchlässigen Wetbag nach Hause und dort in die Waschmaschine. Das spart immens viel Geld und Ressourcen. Der Mensch kommt übrigens als Umweltschoner auf die Welt. Bereits Neugeborene merken, wann sie mal müssen und geben Bescheid. Eltern, die ihr Kind auf seine Signale hin abhalten, sparen Wäsche oder Windeln, denn das Kind behält sein natürliches Sauberkeitsbedürfnis bei und wird schneller trocken.

Beikost habe ich beim Essenkochen abgezwackt, in ausgespülte Schraubgläser gefüllt und eingefroren. Die kleinen Portionen lassen sich schnell im Wasserbad erwärmen. Ein Stillbaby braucht die ersten sechs Monate weder Getränke noch Brei. Ernährungstechnisch kommt der Homo Sapiens also verpackungsfrei durch die Säuglingszeit. Stilleinlagen gibt es auch in der waschbaren und hautfreundlicheren Variante – aus Wolle, Seide oder Baumwolle.

Unterwegs

Eine Trinkflasche, eine Brotzeitdose, eine kleine Gabel, ein Teelöffel und ein Tuch als Serviette sind meine Wegbegleiter, wenn ich weiß, dass ich unterwegs kein müllfreies Essen erstehen kann. Es ist zudem bekannt, dass selbstgekochtes gesünder und günstiger ist, Vorbereitung ist die halbe Miete. Für den kleineren Hunger zwischendurch reichen Nüsse und Trockenfrüchte. Falls doch kein Magengrummeln aufkam, belasse ich die Snacks einfach in der Tasche, denn sie sind lange haltbar.

Im Tiefkühlfach horte ich Energiebällchen, die aus Haferflocken, gemahlenen Nüssen und Trockenfrüchten bestehen. Die tauen in der Vesperdose innerhalb von kurzer Zeit auf, genau dann, wenn der kleine Hunger kommt. Für das Rezept schreibe mir eine Nachricht oder hinterlasse einen Kommentar!

Schreibtisch

Recyclingpapier, Notizblätter beidseitig beschreiben, bla bla bla, das kennst du schon. Versandkartons und -Taschen sammeln und wiederverwenden, Paketschnüre aus reiner Naturfaser statt Klebeband (wieder)verwenden, mit Malerkrepp statt Plastikklebestreifen kleben. Bei Onlinebestellungen im Feld „Bemerkungen“ darauf hinweisen, man möge plastikfrei verpacken und die Waren im gebrauchten Versandkarton verschicken. Geschenke hübsch in Stoff einwickeln und Dinge wiederverwenden, wiederverwenden und nochmal verwenden.

Garten und Balkon

Im Frühjahr habe ich einen Komposthaufen bearbeitet und jede Menge kleine Plastikteilchen gefunden. Gummis, Pflanzenstecker, ummantelte Drähte und Folienstücke. Erschreckenderweise entdeckte ich auch in gekaufter Bio-Blumenerde einigen Plastikmüll. Dabei lassen sich Pflanzen auch willig mit Sisal und Hanf bändigen und mit Holzsteckern beschriften. Auch zum Kräuter bündeln sind Naturfasern die bessere Wahl, ob das die Biogärtnereien auch bald so sehen? In Tontöpfen oder Terrakotta fühlen sich Blumen wohler, denn im Plastikgefäß stauen sich Hitze und Gießwasser schnell. Unkrautvlies halte ich für problematisch, da es im Laufe der Jahre „zervliest“ und somit Kunstfasern unweigerlich in der Umwelt verbleiben.

Erntezeit

Streuobstwiesen, öffentliche Obst- und Nussbäume, gepachtete Ackerflächen… Wo kannst du Lebensmittel säen und ernten? Welche kannst du eintauschen? Kräuter und Wiesenpflanzen machen sich prima im Salat und treiben auch nach dem Rasenmähen als erste wieder aus. Löwenzahn und Giersch sind sehr gesund, auch die Brennnessel taugt als grüne Beilage. Lass dir von kundigen Menschen die essbare heimische Fauna zeigen! Auf Gemüsebeeten wird vieles in Massen gleichzeitig reif und so kann ich einige Riesenzucchinis gegen unzählige Gojibeeren aus dem Garten der Nachbarin eintauschen. Total müllfrei. Plus nette Bekanntschaften!

Einkaufen

Wer keinen Müll kauft, muss keinen entsorgen. Punkt. In guten Geschäften kann ich Obst und Gemüse lose kaufen, für Salate und Schwammerl nehme ich bestimmte Beutel mit, deren Gewicht an der Kassenwaage abgezogen wird. Glas und Papier wird der Plastikverpackung bevorzugt, das Kaufen von Großpackungen spart auch etwas Müll. In München gibt es Unverpackt-Läden, in denen man wirklich alle Waren lose erhält. In allen anderen Märkten ist es schon üblich, dass der Kunde seine (alte) Tupper- oder (neue) Edelstahlbox über die Frischetheke reichen kann. Semmeln und Brot lasse ich mir in Stoffbeutel packen.

Klamotten kaufe ich Second Hand oder Bio und Fair. Solche aus Naturfaser hinterlassen in der Umwelt und auf der Haut einen positiven Eindruck.

Putzmittel rühre ich mir selbst an. Die Rohstoffe gibt es auch plastikfrei.

Alles andere, was ich meine zu brauchen, benötige ich dann doch nicht, oder ich kann es leihen, reparieren, tauschen oder gebraucht kaufen. Und wenn das nicht geht, dann erwerbe ich es neu. Und Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie klingt Zero Waste für dich? Welche Chancen birgt der freiwillige Verzicht  für uns, für unsere Werte, unseren Lebensstil?

Wenn du weißt, wo ich ein Bodenwischtuch aus reiner Naturfaser herbekomme, schreibe mir eine Nachricht!